Staatenlosigkeit wird häufig primär als juristisches Problem verstanden. Die Forschung von Victoria Reitter zeigt hingegen, dass sie wesentlich durch alltägliche Verwaltungspraxis in staatlichen Behörden hervorgebracht und stabilisiert wird. Am Beispiel Österreichs, wo trotz internationaler Verpflichtungen kein Verfahren zur Feststellung von Staatenlosigkeit existiert, analysiert sie, wie Beamt*innen mit dieser rechtlichen Lücke umgehen. Auf Grundlage konstruktivistischer Grounded Theory und qualitativ-ethnografischer Methoden entwickelt ihre Arbeit das Konzept der „behördlich-institutionellen Arbeit“ und zeigt, dass Beamt*innen das Rechtsvakuum auf drei zentrale Weisen nicht nur verwalten, sondern aktiv reproduzieren. Staatenlosigkeit erscheint damit nicht als juristische Anomalie der Staatsbürger*innenschaft, sondern als Produkt institutionalisierter Verwaltungspraxis.
Bio
Victoria Reitter ist ÖAW-Postdoc-Track-Stipendiatin am Institut für Soziologie der Universität Wien und Researcherin im Bereich „Migration – Interne Grenzregime – Bürokratie“ am Ilse-Arlt-Institut für Soziale Inklusionsforschung an der University of Applied Sciences in St. Pölten. Ihre künftige Forschung widmet sich der Frage, wie Nationalstaaten Migration zunehmend über den Zugang zu Rechten und sozialstaatlichen Leistungen steuern, und welche Rolle bürokratische Praktiken bei der Strukturierung sozialer Ungleichheit spielen.
Das Forschungskolloquium
Jedes Semester stellen Wissenschafter*innen des Instituts ihre Projekte und Forschungsthemen in einer Präsenzveranstaltung vor.
