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In memoriam Leopold Rosenmayr (1925-2016)

Das Institut für Soziologie trauert um Leopold Rosenmayr, emeritierter ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Wien, der international als Soziologe und als Altersforscher höchste internationale Reputation genoss. Er verstarb am 18. März 2016 im Alter von 91 Jahren.

Rosenmayr war der erste Soziologe, der in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine auf Themen des Wiederaufbaus des neu entstandenen Österreich bezogene empirische Sozialforschung betrieb. Soziologie war für ihn ein Instrument einer auf die Menschen und ihre Bedürfnisse eingehenden Wissenschaft.

1953 kehrte er nach einem Postgraduate Studium in Paris 1949-1950 und einem zweijährigen Forschungs- und Lehraufenthalt an der Harvard University und einer Gastprofessur an der Fordham University in New York aus den USA nach Wien zurück, wo er 1955 zunächst zum außerordentlichen und 1961 zum ordentlichen Universitätsprofessor an der Universität Wien ernannt wurde.

Nicht zuletzt durch seine engen Kontakte mit dem in die USA emigrierten Paul Lazarsfeld führte er in der österreichischen Soziologie die wichtige Wende zur über sozialphilosophische Reflexionen hinausgehenden empirischen Soziologie herbei. Institutionell drückte sich diese Wende durch die Gründung der Sozialwissenschaftlichen Forschungsstelle im Jahre 1954 aus, in der erste Forschungsarbeiten auf den Gebieten Wohnen, Stadtentwicklung, Jugend, Familie, Frauen, Alter durchgeführt wurden. So begann er 1955 mit dem Aufbau der Jugendsoziologie und der sozialen Gerontologie und Lebenslaufforschung. Früchte dieser Bemühungen waren in den sechziger Jahren große Studien zu den Familienbeziehungen und Freizeitgewohnheiten jugendlicher Arbeiter und zu den kulturellen Interessen von Jugendlichen und ein weiteres  Jahrzehnt später die maßgeblichen Handbuchartikel über Jugend sowie Alter. Die Forschungen zu Altersfragen und  Generationenbeziehungen führten zu Formulierung des Konzepts der „Intimität auf Abstand“, welches ebenso wie seine „Späte Freiheit“ und die „Kumulative Benachteiligung“ in die internationale Fachliteratur Eingang gefunden hat. Diese Konstrukte waren kennzeichnend für seine Fähigkeit, komplizierte Sachverhalte in einprägsame und auch für Laien leicht verständliche sprachliche Bilder zu fassen.

Früh erkannte er die nicht nur wissenschaftliche, sondern auch gesellschaftspolitische Bedeutung des Alters und Alterns. Mit großem Engagement verfolgte er diese Thematik und gewann eine Reihe von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, so dass Wien mit der Zeit zu einem international anerkannten Zentrum der Alternsforschung wurde. Um diese Forschung auf Dauer stellen zu können, gelang es ihm im Jahr 1980 durch seine engen Kontakte mit der damaligen Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg, das Ludwig Boltzmann-Institut für Sozialgerontologie und Lebenslaufforschung zu gründen. In diesem Institut entstanden nicht nur die ersten Berichte der Österreichischen Bundesregierung zu Fragen des Alterns, sondern auch der Nationalbericht für die World Assembly on Aging 1982 in Wien. Multi- und Interdisziplinarität waren ihm konstitutiv für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess.  Seine langjährige Kooperation und freundschaftliche Verbundenheit mit den beiden bedeutenden Geriatern Walter Doberauer und Franz Böhmer entsprang dieser Überzeugung.

Seine Interessen gingen aber auch darüber weit hinaus. So faszinierten ihn neben der Gerontologie zunehmend kulturanthropologische Themen, die ihn wiederholt zu Forschungsaufenthalten vor allem in Mali im Rahmen von Entwicklungshilfeprojekten veranlasste. Im Rahmen dieser Projekte brachte er auch sein humanitäres Engagement ein, und es gelang ihm beispielsweise, durch das Aufbringen von Spendengeldern Brunnenbauten in der Sahelzone zu ermöglichen.

Sein Gesamtoeuvre umfasst hunderte in verschiedenste Sprachen übersetzte Artikel, dutzende Bücher und Herausgeberschaften. Über sein Wirken legen zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen Zeugnis ab: 2007 Preis für Wissenschaft und Ethik der Stadt Wien; 2005 Silbernes Ehrenkreuz für Verdienste um die Republik Österreich; 2002 Kardinal Innitzer Preis für Soziologie; 2001 Wiener Preis für humanistische Alternsforschung; 1998 Preis der Stadt Wien für Geistes- und Sozialwissenschaften; 1994 Preis der Schader-Stiftung für Umsetzung gesellschaftswissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis; 1985 Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien; 1979 Österreichisches Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. 1990 wurde er in Würdigung seiner Verdienste zum Wirklichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählt.

In den letzten Jahren kehrte er zu seinen philosophischen Wurzeln zurück und beschäftigte sich in seinen Büchern wie „Im Alter – noch einmal – leben“ (2011) und das erst im April 2016 erscheinende religions- und philosophiegeschichtliche Vermächtnis „Die Weisheit ist ein unruhiger Geist“ mit den existentiellen Fragen des Lebens. Er war bis zum letzten Atemzug schöpferisch tätig.

Leopold Rosenmayr war nicht bloß „Schreibtischgelehrter“, sondern weltoffen und kunstverständig. Er nahm bis zuletzt zu aktuellen gesellschaftspolitischen Fragen Stellung.

Er war ein begeisterter Bergsteiger und Kletterer ganz im Sinne „seiner“ Gerontologie der drei „L“, Laufen, Lernen, Lieben.

Österreich verliert in Leopold Rosenmayr den angesehensten Soziologen und Gerontologen der Nachkriegszeit.

Wir verabschieden uns in Trauer von einem großen Vorbild.

Josef Hörl, Franz Kolland, Gerhard Majce

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