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Ao. Univ.-Prof. Dr. Christoph Reinprecht

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Persönliches

Dass ich am 15. Juli 1957 in Linz geboren wurde, war keine freie Entscheidung. Nur wenige Wochen nach meiner Geburt verlegten meine zuvor in Wien ansässigen Eltern ihren Lebensmittelpunkt, erst für zwei Jahre nach Gmunden, danach dauerhaft an den südlichen Wiener Stadtrand in die Hinterbrühl, wo ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, um mit 18 Jahren nach Wien zu ziehen, wo ich seitdem lebe, seit einiger Zeit alternierend mit meinen französischen Lebensmittelpunkten in Paris und Die, einem kleinen Städtchen im französischen Département Drôme. Meine erwachsene Tochter lebt in Wien.

Zur Soziologie gekommen

bin ich früh und doch auch über Umwege. Die soziologische Perspektive hatte bereits in der Schulzeit meine Neugierde geweckt. Sie half mir vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, Zusammenhänge und Alternativen zu benennen und wurde auf diese Weise auch bestimmend für meine eigenen Versuche zu leben, zu denken, zu schreiben. Bevor ich zwischen 1984 und 1990 meine Ausbildung als Soziologe an der Universität Wien absolvierte, probierte ich also das Leben. Meine Schulkarriere hatte ich 1976 konfliktreich abgebrochen (den Universitätszugang habe ich dann 1983 mit der Berufsreifeprüfung für Soziologie und Zeitgeschichte erworben). Stattdessen frequentierte ich die besetzte Arena, kämpfte gemeinsam mit Freunden in Mödling für ein selbstverwaltetes Jugendzentrum (->Text 1) und erprobte mich nebenbei in sehr unterschiedlichen Tätigkeiten, sei es in der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am neurologischen Krankenhaus Rosenhügel, wo ich am Freizeitprogramm für die dort betreuten Kinder und Jugendlichen mitwirkte, in einer Setzmaschinenfirma oder bei Unilever, wo ich im Schichtbetrieb an der Fertigung von Zahnpastatuben arbeitete.

Mit Ableistung des Zivildienstes (1978 im Pflegeheim Lainz) begann eine Lebensphase, die für mein Selbstverständnis als Soziologe in mehrfacher Hinsicht prägend war. Von April 1979 bis 1983 arbeitete ich im Amerlinghaus (Kulturzentrum Spittelberg), einem alternativen Zentrum für Basiskultur, soziale Bildungsarbeit und offene Veranstaltungsaktivitäten, das 1975 als Protest gegen Immobilienspekulation besetzt worden war und seit 1978, nach Sanierung und finanziert durch die Stadt Wien, als selbstverwaltetes Kultur- und Stadtteilzentrum geführt wird und dem ich noch heute eng verbunden bin (->Text 2). Nach einem mehrmonatigen Aufenthalt in Hamburg und Berlin wurde ich 1983 Redakteur beim “Wiener Tagebuch“, einer kulturpolitischen Monatsschrift, die 1946 im intellektuellen Umfeld der KPÖ gegründet wurde und für die, nach dem offenen Bruch mit der Partei in Folge des Prager Frühling, das Wort Ernst Fischers leitgebend wurde: Wo einst der Mythos war, sitzt jetzt der Zweifel. Die Zeitschrift wurde Ende 1989 eingestellt. Letzter Chefredakteur war Leopold Spira, zum redaktionellen Umfeld zählten, neben der Generation des österreichischen Widerstands und Exils, auch jüngere Personen wie Erich Hackl, Karl-Markus Gauß, Carl-Wilhelm Macke, Peter Rosner und Hazel Rosenstrauch (->Text 3). Neben dem Wiener Tagebuch betreute ich ab 1987 auch den sozialpolitischen Presse- und Informationsdienst „Kontraste“, der als Antwort auf den Strukturwandel des Wohlfahrtsstaates als Forum kritischer Öffentlichkeit gegründet wurde.
Gewissermaßen als Echo auf diese Tätigkeiten entstanden meine ersten beiden selbständigen Buchpublikationen. Das gemeinsam mit Ehrenfried Natter verfasste Buch „Achtung Sozialstaat“ ist 1992 im Europa Verlag erschienen. Dem Buch lag ein vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank gefördertes Forschungsprojekt zugrunde. Im selben Jahr erschien im Braumüller Verlag das Buch „zurückgekehrt. Identität und Bruch in der Biographie österreichischer Juden“, die überarbeitete Fassung meiner Diplomarbeit, mit der ich zwei Jahre zuvor mein Studium der Soziologie an der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien abgeschlossen hatte. Fragen von Sozialstrukturwandel und sozialer Ungleichheit, von Identitätskonstruktion und kollektivem Gedächtnis sind bis heute zentraler Teil meines soziologischen Interesses.


In der akademischen Soziologie angekommen

bin ich 1990, als ich mich unmittelbar nach Abschluss meines Studiums erfolgreich um eine Stelle als Universitätsassistent beworben hatte. Die Stelle war der Lehrkanzel von Leopold Rosenmayr zugeordnet, an dessen damaligen Forschungen zum Wandel der Generationsbeziehungen im westafrikanischen Mali ich am Rande eingebunden war und die mich einige Jahre später gemeinsam mit Marie-France Chevron inspirierte, in Mali ein vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung gefördertes Projekt zu den sozio-kulturellen Hintergründen der Müllbeseitigung, die aufgrund der fehlenden staatlichen Organisation von jungen Diplomierten besorgt wurde, durchzuführen. Im Mittelpunkt meines Forschungsinteresses stand in den 1990er Jahren jedoch die gesellschaftliche Transformation in Ost-Mittelosteuropa. Besonders interessierten mich die Veränderungen und Verwerfungen im kollektiven Gedächtnis, denen ich, mithilfe einer empirischen Studie in Tschechien und Ungarn, in meiner Dissertation zur „Rolle des Erinnerns bei der gesellschaftlichen Transformation in Ost-Mitteleuropa“ nachspürte. Die Arbeit, mit der ich 1994 promovierte, wurde später im Verlag für Gesellschaftskritik in Buchform veröffentlicht. Forschungen zum Gesellschaftswandel in Ostmitteleuropa prägten auch eine jahrelange Zusammenarbeit mit Hilde Weiss. Im Rahmen ihres vom Wissenschaftsministerium geförderten Projekts „Nationale Identität und demokratischer Neubeginn“ wurden in Österreich und den ost-mitteleuropäischen Nachbarländern repräsentative Erhebungen und Analysen durchgeführt, deren Ergebnisse in zahlreiche Publikationen dokumentiert sind. Die aus der sozialwissenschaftlichen Beschäftigung mit Fragen der Transformation gewonnene Expertise begründete meine Mitwirkung am neu geschaffenen postgradualen Lehrgang Europäische Studien, dessen Leitung ich seit 2007 innehabe.

Dass ich mich ab Ende der 1990er Jahre wieder verstärkt sozialpolitik- und ungleichheitssoziologischen Themen zuwandte, hatte anfänglich auch mit meiner Lehrtätigkeit in der Sozialarbeitsausbildung zu tun. Die im URBAN-Projekt „Senior Plus“ 1997 begonnene und bis heute weitergeführte Erforschung der Lebenssituation der ersten Generation der Arbeitsmigration bildete die Grundlage für die 2006 erfolgte Habilitation für das Fach Soziologie. Zentrale Themen dieser Forschung wie die Gestaltung der Lebensphasenübergange, die Erzeugung von Lebensqualität unter Bedingungen sozialer Unsicherheit oder der Einfluss von Migration auf Lebensentwürfe und Konzeptionen des guten Lebens habe ich seitdem immer wieder auch in anderen Zusammenhängen aufgegriffen, so etwa in zwei vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank geförderten Untersuchungen zu Strategien der Krisenbewältigung bei jugendlichen Berufseinsteigern, die ich Anfang der 2000er Jahre gemeinsam mit Reingard Spannring durchgeführt und durch Analysen zu jugendlichen Aktionsräumen ergänzt habe. Die mit diesen Forschungen verbundenen Anforderungen bilden eine Quelle kritischer Auseinandersetzung mit methodologischen und konzeptuellen Fragen, etwa in Hinblick auf die Praxis partizipativer Interventionsforschung und des Forschens in Migrationskontexten oder der Thematisierung und Theoretisierung von sozialer Unsicherheit bzw. noch allgemeiner der Transformation des Sozialen. Der langjährige Fokus auf migrationsbezogene Themen begründete die Mitwirkung an inneruniversitären Vernetzungsprojekten wie dem Initiativkolleg „Empowerment Through Human Right“, dem interdisziplinären Forschungszentrum Menschenrechte oder der Forschungsplattform „Migration and Integration Research“, als dessen Sprecher ich 2011 bis 2014 Jahre fungieren durfte. In dieser Zeit konnten wir in Teams größere Forschungsanträge einwerben, etwa im Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds oder im sparkling science-Forschungsprogramm des Wissenschaftsministeriums.

In dem von mir geleiteten Forschungslabor „Angewandte Stadtforschung“ führte ich ab 2003 gemeinsam mit jüngeren Kolleginnen und Kollegen eine Reihe von Projekten durch, die von soziologischer Neugierde auf den Wandel des Städtischen getragen waren und in denen Studierende Forschungspraxis sammeln konnten. Das Interesse an einer Soziologie Wiens führte immer wieder zu Forschungsaufträgen der Stadt, etwa zur sozialen Dynamik in ausgewählten Nachbarschaften, zur Bedeutung von Sozialstrukturwandel und Milieudifferenzierung für Wohnen und Wohnumfeldverhalten oder zur Transformation des sozialen (bzw. kommunalen) Wohnbaus, dessen sozialpolitische Leistung durch Entwicklungen wie Globalisierung, Strukturwandel der Arbeit, oder den Um- und Rückbau des Sozialstaats herausgefordert ist. Das „European Network of Housing Research“, dessen Forschungsgruppe „Social Housing and Globalisation“ ich gemeinsam mit Claire Lévy-Vroelant koordiniere, bildet seit vielen Jahren einen hervorragenden Rahmen zur Schärfung der Sensibilität für international vergleichendes Forschen. Eine enge Forschungskooperation existiert mit Frankreich. Ich bin assoziierter Wissenschaftler am „Centre de Recherche sur l'Habitat“ des „Laboratoire Architecture Ville Urbanisme Environnement“ (LAVUE) in Paris, war wiederholt Gastprofessor an der Universität Paris VIII Vincennes-Saint Denis, mit dessen soziologischem Institut eine enge Kooperation im Bereich des Masterstudiums zur Förderung der studentischen Mobilität besteht, und war und bin aktiv in länderübergreifende Forschungsprojekte eingebunden, die ausgewählte Aspekte der Transformation des Sozialen zum Gegenstand haben: die Erzeugung und Zirkulation von sozialer Verletzbarkeit, die sozialen Quellen und Formen lokaler Widerständigkeit oder der Zusammenhang von Milieubildung und kollektivem Gedächtnis im Stadtraum.


Reflexive Soziologie

zur Objektivierung der eigenen Position nennt Pierre Bourdieu den Versuch, seinen Standort als Universitätslehrer und Wissenschaftler zu bestimmen. Die Notwendigkeit intellektueller Selbstkritik und Selbstverortung verspüre auch ich. Spurensuche einer Marginalisierung: Versuch einer Archäologie der österreichischen Soziologie nenne ich ein Projekt, das ich im Herbst 2014 begonnen habe und das dazu einladen soll, über das Fortwirken der vielsträngigen, widersprüchlichen und vor allem problematischen Erbschaften der österreichischen Soziologie nachzudenken, wie etwa ein weit verbreiteter gesellschaftspolitischer Opportunismus, ihre antisoziologische Attitüde und sozialtheoretische Blässe oder die vorherrschende Fokussierung auf Anwendungswissen. Es ist dies eine Einladung zu einem kollektiven Unternehmen. Denn nur auf diese Weise ist ein Bewusstsein auch für die je eigene, individuelle Verwobenheit möglich.

Institut für Soziologie
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